Veranstaltung: | BDKJ-Hauptversammlung 2024 |
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Status: | Beschluss |
Beschluss durch: | HV |
Beschlossen am: | 05.05.2024 |
Eingereicht: | 05.05.2024, 12:18 |
Antragshistorie: | Version 1 |
Feminismus im BDKJ – intersektional & queer
Beschlusstext
Als BDKJ Bundesverband streben wir eine Gesellschaft an, in der alle Menschen
unabhängig von ihrer geschlechtlichen Zuordnung gleichberechtigt behandelt
werden und gleiche Rechte sowie Teilhabechancen haben. Unser Ziel ist es, eine
Welt zu schaffen, in der Menschen frei von stereotypischen Vorstellungen von
"männlich" und "weiblich" leben können. In der Zwischenzeit sollte jede*r die
Freiheit haben, sich zwischen und neben diesen Vorstellungen zu bewegen, um die
Welt mit ihrer Vielfalt bereichern.
Wir betrachten es als unsere Aufgabe, junge Menschen zu ermächtigen,
Geschlechterklischees zu hinterfragen und ihre eigene Identität zu entwickeln.
Im BDKJ auf Bundesebne soll dies erlebbar sein und in Gesellschaft, Politik und
Kirche hinein strahlen. Dies erfordert eine kontinuierliche Auseinandersetzung
mit patriarchalen Strukturen und Denkmustern, sowie die Förderung von Menschen,
die durch diese beeinträchtigt werden.
Um unsere Vision zu erreichen, wurden bereits einige Schritte gesellschaftlich
und im BDKJ getan. Wir erkennen den Wert der Emanzipations- und
Gleichstellungsbewegungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte an und sind froh
darum, was hierdurch erreicht wurde. Wir gehen davon aus, dass sich Feminismen
auch zukünftig weiter entwickeln, beobachten diese Veränderungen und gestalten
sie mit.
So kommen wir aktuell zu folgender feministischen Grundhaltung:
Feminismus braucht Vielfalt:
Uns ist Geschlechtervielfalt ein ebenso großes Anliegen wie die
Gleichberechtigung von Menschen aller Geschlechtskategorien. Geschlecht ist
sozial konstruiert und darf weder heteronormativ, noch binär gedacht werden.
Daher treten wir für Queerfeminismus ein. Ein Feminismus, der INTA*[1] Personen
nicht explizit mitdenkt oder Differenzen zwischen Geschlechterkategorien
zeichnet und damit Personen aufgrund ihrer Geschlechterkategorien bestimmte
Rollen zuschreibt, entspricht nicht unserem Verständnis von Feminismus.
Feminismus vereint unterschiedliche Perspektiven Feminismus braucht den Blick
auf Mehrfachdiskriminierungen // Feminismus braucht Intersektionalität
Alle Menschen bringen eine Vielzahl von Merkmalen und Positionierungen mit, die
sie als Individuen ausmachen. Manche davon können selbst beeinflusst werden
andere nicht. Weitere Merkmale werden von der Gesellschaft zugeschrieben, wie
z.B. Geschlechtsrollenbilder. Intersektionalität beschreibt die Tatsache, dass
verschiedene Diskriminierungsformen aufgrund dieser (zugeschriebenen) Merkmale
nicht einfach zusammengezählt werden können und sich addieren, sondern dass sie
sich gegenseitig beeinflussen. So können neue Formen von Diskriminierung
entstehen. Feminismus muss daher immer intersektional gedacht werden.
Strukturell leiden FINTA*1 stärker als cis Männer unter dem Patriarchat. Daneben
kann beispielsweise die Hautfarbe, die Herkunft, das Einkommen, die Bildung, die
sexuelle Orientierung, das Alter, eine Behinderung oder die
Religionszugehörigkeit als zusätzliche Diskriminierung greifen. Diese gilt es
immer explizit mitzudenken, zu reflektieren und in der Förderung zu
berücksichtigen.
Feminismus betrifft alles:
Feminismus ist eine Aufgabe, die in allen Bereichen unseres gesellschaftlichen
Zusammenlebens berücksichtigt werden muss. Entsprechend verstehen wir
Geschlechterpolitik &-pädagogik als äußerst wichtigen und wertvollen Bestandteil
unserer Arbeit.
Feminismus nützt allen:
Feministische Kämpfe dienen nicht dazu bestimmte Geschlechterkategorien zu
übervorteilen, sondern dazu dass Menschen aller Geschlechtskategorien gerecht
behandelt werden. Der Abbau struktureller Ungerechtigkeiten, z.B. unbezahlte
Sorgearbeit [Fußnote: Beschluss der Bundesfrauenkonferenz 2024:
Zeitgerechtigkeit -wir fordern gerechte Zeitgestaltungsmöglichkeiten], sorgt
dafür, dass alle von einer insgesamt gerechteren Gesellschaft profitieren.
Diese feministische Grundhaltung leben wir in den Diözesan- und
Mitgliedsverbänden des BDKJ und miteinander in diesem. Darüber hinaus wird vom
Bundesvorstand und verantwortlichen Gremien auch über den BDKJ hinaus vertreten
und eingefordert. Entsprechend gestalten wir Kirche, Politik und Gesellschaft
mit.
Konsequenzen für den BDKJ auf Bundesebene
- Der Bundesvorstand und das Bundesfrauenpräsidium halten das Thema präsent,
sensibilisieren – auch über die Social-Media-Kanäle des BDKJs.
- Der BDKJ gestaltet Räume für Bildung und Austausch für die Vermittlung von
Grundwissen über Feminismus, für die Einübung einer feministischen Haltung
und für selbstreflexive Auseinandersetzungen.
- Dort, wo es sinnvoll ist, gestaltet der BDKJ Angebote so, dass es safer /
braver spaces[Fußnote: Safer spaces sind Räume die möglichst sicher sind,
braver spaces sind Räume, die ermutigen] und Empowermentmöglichkeiten für
FINTA*1 gibt.
- Die feministische Grundhaltung speist sich auch aus unserem Glauben heraus
und gilt ebenso für die Glaubenspraxis, z.B. indem wir vielfältige
Gottesbilder fördern [Fußnote
https://www.bdkj.de/fileadmin/bdkj/bdkj/gremien/hauptversammlung/hv2021ao/-
-Beschluss_Vielfalt_der_Gottesbilder__vorlaeufige_Fassung_.pdf] oder
indem Menschen unterschiedlicher Geschlechtskategorien liturgischen
Angeboten vorstehen.
Organisationsform
- Als BDKJ-Bundesverband versuchen wir eine immer machtkritischere und
diskriminierungssensiblere Organisation zu werden. Dafür reflektieren wir
unsere eigenen Strukturen regelmäßig hinsichtlich patriarchaler
Strukturen, der Senkung von Beteiligungshemmschwellen und
Empowermentmöglichkeiten, z.B. durch Genderwatches oder eine offene
Feedbackkultur.Als Diözesan- und Jugendverbände verpflichten wir uns daran
mitzuwirken und unsere eigenen Strukturen selbst zu reflektieren.
- Auf dieser Grundlage passen wir unsere Strukturen und Methodiken an. Im
ersten Schritt gilt es unsere Strukturen zu analysieren und zu
reflektieren. Es muss überprüft werden, ob und in welchen Gremien
notwendig sind, damit FINTA* besser teilhaben können. Darüber hinaus
sollen die bisherigen Formate „Bundesfrauenkonferenz“ und „FINTA*
Fachtagung auf ihre Wirkmacht innerhalb der BDKJs und in Bezug auf die
Strahlkraft in Politik, Kirche und Gesellschaft hin überprüft werden.
Nächste Schritte können Veränderungen in der Organisationsformen des BDKJs
sein.
- Zur zielgerichteten Arbeit hin zu unserer Vision soll ein Prozess
angestoßen werden. Hierfür wird eine Projektgruppe „Queerfeminismus im
BDKJ“ eingesetzt. Eine Person aus dem Bundesfrauenpräsidium und eine aus
dem Bundesvorstand dient als Ansprechperson. Ebenso wird die
Hauptversammlung einbezogen.
- Folgende Fragen sollen in diesem Prozess, der auch mit der BDKJ
Hauptversammlung stattfinden soll, geklärt werden:- Wie können verschiedene Perspektiven im BDKJ besser repräsentiert
werden, sodass unserer intersektionalen queerfeministischen Haltung
Rechnung getragen werden kann? - Wie können im BDKJ FINTA*1 strukturell empowert werden?
- Wie können FINTA*1 aller sozialer Schichten erreicht werden?
- Wo braucht es spezielle Räume für Mädchen und Frauen, wo gesonderte
Räume für Personen anderer Geschlechtskategorien? Welche Räume
braucht es für die Reflexion hin zu kritischer Männlichkeit? - Wie kann deutlich werden, dass die Bundesfrauenkonferenz nicht
ausschließlich cis Frauen vorbehalten ist? - Wie können feministische Themen wirkmächtig bearbeitet werden?
- Wie können safer/ braver spaces für FINTA*1 im BDKJ bestehen und
gleichzeitig auch strukturell deutlich werden, dass Feminismus alle
im BDKJ angeht? - Wie können wir als Menschen aller Geschlechter auf unsere Vision
hinarbeiten und den Weg zu dieser gestalten?
- Wie können verschiedene Perspektiven im BDKJ besser repräsentiert
[1] INTA* steht für inter*, nichtbinär, trans*, agender und weitere
Geschlechterkategorien außerhalb des binären Systems. Wir nutzen bewusst nicht
den Begriff „divers“, der an anderen Stellen für INTA* Personen genutzt wird, da
dieser eine Fremdbezeichnung ist und sehr selten von betroffenen Personen selbst
gewählt wird.
Das F in FINTA* steht zusätzlich für Frauen.
Begründung
Obwohl sich in den letzten Jahren gesellschaftlich einiges in Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit und -vielfalt verändert hat, werden FINTA*1 weiterhin strukturell benachteiligt und können so nicht die gleichen Rechte genießen wie cis Männer. Fest definierende Rollen werden bereits vor der Geburt zugeschrieben. Mit Krisen wie der Corona-Pandemie zeigt sich ein Rollback in traditionelle Geschlechterrollen. Dadurch sind zum Teil Bewegungen hin zu Geschlechtergerechtigkeit rückgängig gemacht worden. Mit dem Erstarken von rechtsradikalen und -extremistischen Gruppierungen nehmen auch antifeministische Argumentationen und Haltungen zu. Gerade in den Bundesländern, in denen eine Regierungsbeteiligung der AfD zu befürchten ist, droht ein Abbau sinnvoller und äußerst wichtiger Strukturen und Einrichtungen, die geschlechtersensible Pädagogik leisten und safer spaces für FLINTA*1 bieten. Das gefährdet die Sicherheit und sogar die Existenz marginalisierter Gruppen.
Umso mehr gilt, unsere Bemühungen zur Überwindung von Geschlechterklischees zu verstärken und junge Menschen in ihrer je eigenen Identitätsentwicklung zu unterstützen. Nach wie vor braucht es Strukturen für explizite Förderungen von Menschen, die durch patriarchale Strukturen und Denkmuster besonders beeinträchtigt werden. Das meint an erster Stelle weiblich sozialisierte Personen, genauso wie inter, nicht-binäre, trans*, agender und andere Menschen, die nicht cis männlich sind. Mehrfachdiskriminierungen sind ebenfalls zu berücksichtigen. In der Weiterentwicklung feministischer Strömungen auch innerhalb des BDKJs hat sich in den letzten Jahren einiges getan.
Wir beschreiben den BDKJ immer wieder als Werkstätte der Demokratie. Gleichzeitig stellen wir fest, dass auch im BDKJ tendenziell cis Männer wortführend sind und politische Lobbyarbeit gestalten, dass sich weiblich sozialisierte Menschen weniger trauen für ihre Meinung einzustehen und weiblich gelesene Menschen kritischer in ihrer Leitungsfunktion betrachtet werden. Ebenso stellen wir an verschiedenen Stellen fest, dass Unsicherheiten vorhanden sind, in welchen Räumen auch INTA* Personen mitgestalten sollen und dürfen und finden sehr kritisch, wenn der Eindruck entsteht, dass wir ausschließlich binär denken.
Entsprechend finden wir im BDKJ keinen eindeutig intersektionalen, queerfeministischen Handlungsrahmen vor. Daran möchten wir etwas ändern und hierfür erst einmal miteinander unser Verständnis von Feminismus definieren. Im Anschluss möchten wir den BDKJ als unsere gemeinsame Organisation so weiterentwickeln, dass er ein feminist icon werden kann.