Veranstaltung: | BDKJ-Hauptversammlung 2024 |
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Status: | Beschluss |
Beschluss durch: | hv |
Beschlossen am: | 04.05.2024 |
Eingereicht: | 04.05.2024, 16:01 |
Antragshistorie: | Version 1 |
Aus christlicher Überzeugung für Demokratie! Wir zeigen klare Kante gegen die extreme Rechte und rechten Populismus.
Beschlusstext
Situationsbeschreibung
Extrem rechte und rechtspopulistische Positionen und Handlungen kennzeichnet ihr
Hass auf bestimmte Personengruppen und deren bewusste Ungleichbehandlung. Zu den
betroffenen Gruppen gehören beispielsweise (aber nicht ausschließlich) Menschen
mit internationaler Familiengeschichte, Frauen, queere Menschen, jüdische und
muslimische Menschen und Menschen mit körperlichen und/oder geistigen
Behinderungen.
Bedrohlich ist zudem, dass die extreme Rechte gezielt versucht, demokratische
Strukturen und Institutionen zu zerstören. Eine Strategie der neuen Rechten ist
Positionen in Legislative, Exekutive und Judikative gezielt zu besetzten und
dadurch extrem rechte und rechtspopulistische Ideologien zu verbreiten. Dies
schwächt fortlaufend unsere demokratischen Institutionen von innen. Dies
beinhaltet unter anderem vermeintlich harmlose Demonstrationen, ebenso wie die
Lähmung parlamentarischer Arbeit oder die Ablehnung des Rechtsstaates. Sie zeigt
sich am deutlichsten in der Planung gewaltvoller Umstürze mit Anschlägen auf
gewählte politische Vertretungen und Gewalt gegen marginalisierte Gruppen.
Besorgniserregend ist, dass diese Strategien Wirkung entfalten und sich im
Erstarken faschistischer Kräfte in Europa und weltweit zeigen.
Wir beobachten einen steigenden Rechtsruck in der Gesellschaft. Das Diskursklima
verschärft sich in Richtung extremer Rechte – viele Erscheinungsformen
gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind sagbar, sind salonfähig geworden.
Dies spiegelt sich auch in der gegenwärtigen Studienlage: So zeigt die Mitte-
Studie[1], dass rechtsextreme Einstellungen in den letzten Jahren stark
angestiegen, weiter in die ‚gesellschaftliche Mitte‘ gerückt sind und dass sich
Menschen zunehmend von der Demokratie distanzieren; ein Teil radikalisiert sich.
Dabei ist eine enge Verschränkung mit weiteren Ideologien der Ungleichwertigkeit
zu beobachten, darunter Antisemitismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit und
Antifeminismus.
Das Erstarken der Neuen Rechten und das elfjährige Bestehen der AfD – einer
Partei, deren Jugendorganisation und mehrere Landesverbände als gesichert
rechtsextrem eingestuft werden – stehen für eine Dekade organisierter
Demokratie- und Menschenfeindlichkeit. - „Die AfD wirkt“.[2] Die hohen
Wahlergebnisse der AfD bei den Landtags- und U18-Wahlen in Hessen und Bayern
verdeutlichen, dass auch junge Menschen gegenüber rechtspopulistischen bis
extrem rechten Wahlangeboten empfänglich sind.
Positionierung
Als katholische Jugendverbände stellen wir uns konsequent gegen extrem rechte
und rechtspopulistische Positionen und Handlungen und setzen uns für eine
vielfältige und demokratische Gesellschaft ein. Die Unterstützung von
demokratischen Verfahren wie die Beteiligung an Wahlen ist für uns
selbstverständlich.
Wir lehnen jede Art von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ab und
solidalisieren uns in unserer Arbeit explizit mit marginalisierte Gruppen. Wir
positionieren uns klar gegen Demokratiefeindlichkeit und Autoritarismus. Wir
bekennen uns zur Umsetzung und Wahrung der Menschenrechte weltweit. Um das zu
gewährleisten, braucht es partizipatorische Prozesse und demokratische
Kontrollmechanismen.
Wir verstehen uns als antifaschistisch: Wir stehen für eine demokratische,
gleichberechtigte und solidarische Gesellschaft und Kirche ein und wenden uns
gegen jede Art der Ausgrenzung und Unterdrückung von Menschen. Diese
Grundhaltung geht einher mit unserem christlichen Glauben, aus dem heraus wir
alle Menschen als Gottes Ebenbilder betrachten, sowie mit unserer demokratischen
Grundüberzeugung, die die gleichberechtigte Teilhabe aller sowie die
unveräußerliche Würde des Menschen beinhaltet.
Zu dieser antifaschistischen Grundhaltung hat sich die Hauptversammlung 2022
innerhalb des Grundsatzprogramms des BDKJ bekannt.
Konsequenzen für die Arbeit des BDKJ
- Position beziehen
Wir beziehen öffentlich klar Position gegen rechtsextreme Übergriffe und
Gewalttaten, solidarisieren uns mit den Betroffenen und setzten uns
nachdrücklich für Aufklärung und Aufarbeitung ein. Wir nutzen unsere
Kontakte, um auf die eindeutige Abgrenzung von rechten Akteur*innen,
insbesondere auch in den kirchlichen Strukturen, hinzuwirken. Hierzu haben
wir bereits Beschlüsse gefasst, die wir an dieser Stelle noch einmal
bekräftigen.[1]
- Bildungsarbeit
Wir verstehen Jugendverbandsarbeit als zentrales, wertebasiertes
Bildungsangebot für junge Menschen. Politische Bildung ist für uns ein
zentraler Bestandteil einer funktionierenden Demokratie. Unsere
Bildungsangebote haben einen rassismuskritischen und feministischen
Anspruch. Junge Menschen lernen gesellschaftliche und kirchliche Normen zu
hinterfragen, selbstständig zu denken und werden gestaltender, mündiger
Teil einer demokratischen Gesellschaft.
- Vernetzung
Um das Thema Antifaschismus in allen Jugend- und Diözesanverbänden weiter
auszugestalten, schafft die BDKJ Bundesebene ein Vernetzungsangebot für
sie, bei dem good practice Beispiele vorgestellt und durch die Expertise
der anderen erweitert werden können. Zudem vernetzt sich der BDKJ
Bundesvorstand mit anderen antifaschistischen Organisationen und
Gruppierungen, u.a. mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche &
Rechtsextremismus (BAG K+R) und dem Bundesverband Mobile Beratung, u.a.
mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus (BAG K+R) und
dem Bundesverband Mobile Beratung, um eine größere Schlagkraft zu
entwickeln. Innerhalb dieser unterstützen wir Projekte, die unsere
demokratische Gesellschaft unterstützen, z.B. die U18/ U16-Wahlen des
DBJR.
- Wir wählen! NICHT die AfD
Als Lernorte gelebter Demokratie und durch unser christliches
menschenfreundliches Selbstbild sind Einstellungen rechtsextremer und
rechtspopulistischer sowie demokratiefeindlicher Parteien mit unserer
Verbandsidentität nicht vereinbar. Mit der AfD ist eine rechtsextreme
Partei einflussreich in der Politik vertreten. Für uns ist die Wahl oder
Unterstützung dieser Partei nicht vereinbar mit unserer antifaschistischen
Grundüberzeugung als Jugendverbandler*innen. Die Mitgliedschaft in einer
rechtsextremen Partei wie der AfD sowie in ihr nahestehenden oder anderen
rechtsextremen Organisationen ist mit der Mitgliedschaft in unseren
Verbänden unvereinbar. Das bedeutet außerdem, dass wir Vertreter*innen der
AfD nicht zu unseren Veranstaltungen einladen, nicht an von der AfD
ausgerichteten Veranstaltungen teilnehmen und die Teilnahme an
Veranstaltungen, zu denen Vertreter*innen der AfD eingeladen sind, sowie
die Mitarbeit in Gremien, in denen Vertreter*innen der AfD mitarbeiten, im
Einzelfall prüfen (vgl. Beschlusslage 2016/2020 "Wir widersprechen, weil
wir glauben").
Forderungen an die Politik
Um unsere pluralistische und freiheitlich-demokratische Gesellschaft zu schützen
und gegen Angriffe aus dem rechtsextremen Spektrum zu verteidigen, fordern wir
von der Politik:
- keine Finanzierung extrem rechter Parteien und Stiftungen
Parteien und Stiftungen, die diskriminierende und demokratiefeindliche
Grundüberzeugungen vertreten, dürfen nicht mit staatlichen Mitteln
unterstützt werden. Das im Grundgesetz verankerte Prinzip der wehrhaften
Demokratie muss umfassend genutzt werden, um unsere Demokratie gegen ihre
Feind*innen zu schützen. Wir fordern die demokratischen Parteien auf, sich
dafür einzusetzen, die staatlichen Zuwendungen an extrem rechte Parteien
und deren nachgeordneten Orgainsationen sowie Stiftungen zu begrenzen und
einzustellen. Deshalb begrüßen wir das Stiftungsfinanzierungsgesetz, das
die Förderung von politischen Stiftungen an die Verfassungstreue knüpft.
- umfassende Aufarbeitung von strukturellem Rassismus und Polizeigewalt
- In mehreren wissenschaftlichen Arbeiten konnte nachgewiesen werden, dass
in staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen struktureller
Rassismus existiert. Dieser führt zu alltäglicher Diskriminierung, zum
Beispiel von migrantisch gelesenen Menschen. Aus diesem Grund kommt es
immer wieder auch zu gewaltsamen Übergriffen. Wir solidarisieren uns mit
den Betroffenen von strukturellem Rassismus und fordern eine umfassende
Aufarbeitung dieser Strukturen und Vorfälle. Besonders verurteilen wir
rassistisch motivierte Angriffe durch Polizist*innen. Durch ihr
staatliches Gewaltmonopol tragen sie besondere Verantwortung, unsere
demokratischen Werte umzusetzen. Von Seiten der Politik braucht es eine
deutliche Haltung gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt und für
Aufklärung und Unterstützung der Betroffenen.
- konsequente Verfolgung rechter Übergriffe und Gewalttaten
Mit großer Sorge nehmen wir die steigenden Zahlen extrem rechter
Übergriffe und Gewalttaten wahr. Ihnen liegen unterschiedliche
Motivationen zugrunde (Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit,
Antifeminismus etc.). Die Vorfälle haben jedoch eine Gemeinsamkeit: Sie
treffen Minderheiten, die wir als Gesellschaft besser schützen müssen. Wir
fordern daher, diese Übergriffe und Gewalttaten und deren Folgen, auch in
und durch digitale Räume2, konsequent zu verfolgen und ihnen präventiv
entgegenzuwirken. Dazu gehört auch, sie nicht als Einzelfälle abzutun.
- Verstetigung der Finanzierung von Demokratieförderung und politischer
Bildung
Es gibt viele gute zivilgesellschaftliche Projekte und Initativen zur
Demokratieförderung. Häufig stehen diese jedoch auf einer prekären
finanziellen Grundlage und bekommen lediglich zeitlich befristete
Projektfinanzierungen. Wir fordern, die Finanzierung dieser Projekte auf
eine solide und langfristige Basis zu stellen. Dafür muss das von der
Bundesregierung geplante Demokratiefördergesetz zügig beschlossen und
umgesetzt werden. Auf eine „Extremismusklausel“, die die Projekte unter
Generalverdacht stellt, muss dabei verzichtet werden. Darüber hinaus
fordern wir, dass Präventionsmaßnahmen die gegen diskriminierende
Ideologien aufklären flächendeckend gefördert werden und politische
Bildung in allen Schulformen fester Bestandteil der Lehrpläne sein muss.
- Zurückdrängen extrem rechter und rechtspopulistischer Positionen
Extrem rechte und rechtspopulistische Positionen verbreiten sich zunehmend
in der politischen Debatte. Beispiele dafür sind die Auseinandersetzung um
die europäische Abschottungspolitik gegen Migrant*innen oder Angriffe auf
queere Lebenswelten. Wir fordern alle politischen Parteien auf, sich aktiv
dafür einzusetzen, rechtsextreme und rechtspopulistische Positionen aus
ihren eigenen Strukturen und aus der Politik insgesamt zurückzudrängen.
Dazu gehört für uns, gemeinsam Haltung zu zeigen und auf
rechtspopulistische (Wahlkampf-)Strategien zu verzichten.
Rechtspopulistische Aussagen, die zu Desinformation führen, dürfen nicht
unwidersprochen stehen bleiben. Ein respektvoller und faktenbasierter
Umgang mit demokratischen Mitbewerber*innen muss gewahrt bleiben.
- Ende der Kriminalisierung von gewaltfrei agierenden Antifaschist*innen
Wir nehmen war, dass die Repressionen gegenüber gewaltfreiem,
antifaschistischem Aktivismus durch staatliche Institutionen deutlich
zunehmen. Dies trägt maßgeblich dazu bei, dass Menschen durch
Einschüchterung daran gehindert werden, ihre antifaschistische
Grundhaltung klar zu benennen und aktiv zu werden. Wir fordern ein Ende
von Repressionen gegenüber gewaltfrei agierenden Aktivist*innen und
gegenüber deren Vernetzung. Es muss gefahrlose Möglichkeiten geben,
weiterhin unsere Demokratie durch zivilgesellschaftliches Engagement zu
schützen.
Forderungen an die katholische Kirche
Als katholischer Jugendverband fordern wir von der katholischen Kirche:
- Reform und Aufarbeitung
Die Strukturen der katholischen Kirche weisen zahlreiche diskriminierende
Bestandteile auf, insbesondere im Hinblick auf Frauen- und
Queerfeindlichkeit, aber auch im Hinblick auf strukturellen Rassismus,
Antisemitismus und Antijudaismus. Wir fordern die Verantwortlichen in der
Kirche auf, gegen diese Strukturen vorzugehen und sie zu reformieren.
Darüber hinaus muss bereits geschehenes Unrecht, auch aus dem Kontext der
kolonialistischen Missionsarbeit, aufgearbeitet werden.
- Stellung beziehen als moralische Instanz
Die katholische Kirche hat als moralische Instanz einen großen Einfluss
auf ihre Mitglieder und in die Gesellschaft und Politik hinein. Wir
fordern die Verantwortlichen in der Kirche auf, aus der christlichen
Überzeugung heraus immer wieder klar Stellung gegen die extreme Rechte zu
beziehen.
- Distanzierung von Demonstrationen und Veranstaltungen, bei denen extrem
rechte Aktivist*innen involviert sind
Immer wieder nutzen extrem rechte Aktivist*innen Demonstrationen und
Veranstaltungen, um in weiteren gesellschaftlichen Kreisen anschlussfähig
zu werden. Dies geschieht auch bei religiös motivierten Veranstaltungen,
wie z.B. dem sogenannten „Marsch fürs Leben“. Wir fordern von den
Verantwortlichen in der Kirche, sich klar von Demonstrationen und
Veranstaltungen zu distanzieren, bei denen extrem rechte Aktivist*innen
beteiligt sind oder ohne Widerstand der Organisator*innen teilnehmen
können. Hier gilt es deutlich zu machen, dass der christliche Glaube nicht
für die Verbreitung rechter Ideologie missbraucht werden darf.
- Verbindungen zwischen fundamentalistischen Christ*innen und der extremen
Rechten benennen und bekämpfen
In ihrem Kampf gegen unsere demokratische und pluralistische Gesellschaft
und gegen liberale Christ*innen bilden fundamentalistische Christ*innen
und Akteur*innen der extremen Rechten häufig enge Allianzen. Einige
Akteur*innen sind Teil beider Milieus. Wir fordern von den
Verantwortlichen in der Kirche, diese Problematik, neben Problemen mit
fundamentalistischen Christ*innen an sich, klar zu benennen, sich von den
beteiligten Akteur*innen zu distanzieren und sie nach Möglichkeit aus den
kirchlichen Strukturen auszuschließen.
Wir setzen uns nachdrücklich ein für eine Gesellschaft und für eine Kirche ein,
die frei von Diskriminierung sind. Wir kämpfen gegen rechte Ideologien und
Handlungen. Wir sind antifaschistisch.
1 S. hierzu auch: Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung.
2 S. hierzu auch: Amadeu Antonio Stiftung.
[1]"Wir widersprechen, weil wir glauben!” - Beschluss der BDKJ-
Hauptversammlungen 2016 und 2020
[2] "Digitale Teilhabegerechtigkeit für junge Menschen" - Beschluss des BDKJ-
Hauptausschusses 2024
Begründung
Extreme und populistische rechte Positionen und Haltungen haben in den letzten Jahren gesellschaftlich an Einfluss gewonnen. Die Aggressivität und Selbstverständlichkeit, mit der sie geäußert und verbreitet werden, hat stark zugenommen. Immer wieder folgen aus den Einstellungen auch Gewalttaten.
Die Hauptversammlung 2022 hat entschieden, Antifaschismus in ihr Grundsatzprogramm aufzunehmen. Die grundlegende Haltung und daraus folgende Konsequenzen, innerverbandlich und in der Lobbyarbeit, sollen mit diesem Antrag festgeschrieben werden.